MURER – ANATOMIE EINES PROZESSES


A/ L  2018, Kinospielfilm, 136 Min, mit Karl Fischer, Alexander E. Fennon, Roland Jaeger, Melita Jurisic, Karl Markovics, Mathias Forberg, Ursula Ofner-Scribano, Dov Glickman, Rainer Wöss, Gerhard Liebmann, Inge MauxSusi Stach, Ariel-Nil Levy, Regie und Buch: Christian Frosch, KA: Michael Schneider, Licht: Martin Bourgund, Colorist: Raoul Nadalet, Produktion: Prisma Film Wien, Paul Thiltges Film Luxemburg

„Bester Film“, Diagonale Filmfestival Graz, März 2018
Kinostart Österreich: 16. März 2018

Graz 1963. Vor Gericht steht der ehemalige SS-Führer Franz Murer, Leiter des Ghettos von Vilnius von 1941-43. Holocaust-Überlebende reisen an, um gegen Murer auszusagen. Die Beweislage ist erdrückend. Dennoch wird Franz Murer unter Beifall der Bevölkerung freigesprochen. Einer der größten Justizskandale Österreichs.
MURER erzählt von der Machtlosigkeit der Wahrheit – und wie leicht Politik jenseits moralischer Werte agieren kann – wenn alle mitspielen.

Die Diagonale schreibt in ihrer Ankündigung:
„Der Eröffnungsfilm erzählt diese Verhandlung mit 73 Sprechrollen in dichten Passagen und der stets intensive Nähe erzeugenden Kamera von Frank Amann nach. In Hintergrundsequenzen und Parallelsträngen im Umfeld des Prozesses kombiniert er die Agitatoren – Täter/innen, Opfer, Zusehende – zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild, in dem, frei nach Hannah Arendt, Tatsachen so behandelt werden, als handle es sich um vernachlässigbare Meinungen. Erschreckend, wie gegenwärtig all dies erscheint. Regisseur Christian Frosch versteht Murer – Anatomie eines Prozesses nicht als historisierenden, sondern als politischen Film, bei dem es darum ging, das brisante Material so authentisch wie möglich „zum Sprechen“ zu bringen.“

Christian Frosch: „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern. Mich interessierte beim Murer-Kriegsverbrecherprozess weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die vom Wesen her grundsätzlich verschiedenen Gruppen (Täter, Opfer und Zusehende) in der Republik Österreich darstell(t)en. Das Spannende ist, dass man hier sehen kann, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert(e). Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären. Diesem Prozess lag kein seelischer Defekt zugrunde, sondern Kalkül. Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“

Robert Menasse: „Der Film  hat mich wie kaum ein anderer der letzten Jahre berührt. Er ist buchstäblich atemberaubend: Ein Thriller, der seine beklemmende Wirkung daraus bezieht, ein Heimatfilm zu sein, die sehr österreichische Version von „Wer die Nachtigall stört“.  Ein Gerichtssaalkrimi, in dem sich der Freispruch für einen Mann als Urteil über eine Nation herausstellt. Dieser Film zeigt nicht nur, sondern lässt uns spüren, dass wir noch immer nicht frei sind, sondern bloß die Erben von Freigesprochenen.

„Murer – Anatomie eines Prozesses“ ist ein ebenso erschütternder wie spannender Gerichtsfilm, der zugleich die lähmende Atmosphäre aus Antisemitismus und einer gegängelten Justiz im Österreich der 1960er Jahre zeigt.“ ORF